Der Letziturm am Morgarten
Der Begriff „Letzi“ geht auf das mittelhochdeutsche Wort „letze“ zurück und bedeutet Hindernis, Hemmung, Schutzwehr oder Grenzbefestigung. Noch heute erinnern zahlreiche Ortsnamen an diese historischen Anlagen, etwa Letzimauern, Letzitürme oder der Letzigrund in Zürich. Letzinen erfüllten dabei eine doppelte Funktion: Sie dienten sowohl als Grenz- und Hoheitszeichen als auch als militärische Verteidigungsanlagen.
Von der einstigen Letzi am Morgarten ist heute vor allem der markante Letziturm sichtbar erhalten. Die zugehörigen Mauern wurden im Laufe der Zeit weitgehend abgetragen; ihre Steine fanden Verwendung beim Bau von Häusern, Ställen und Strassenstützmauern. Die wenigen verbliebenen Reste der Letzimauer sind meist überdeckt oder überwuchert.
Der Turm selbst besass ursprünglich kein Spitzdach. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sich auf dem steinernen Schaft ein auskragender Obergaden als Plattform befand. Solche Turmtypen mit Obergaden sind in der Innerschweiz des 12. und 13. Jahrhunderts mehrfach nachgewiesen, weshalb auch für den Letziturm am Morgarten eine entsprechende Konstruktion wahrscheinlich ist.
Ein wesentliches Verteidigungselement bildete der Hocheingang, der als einziger Zugang diente und die Einnahme des Turmes erheblich erschwerte. Die Tür konnte im Inneren zusätzlich mit einem Balken verriegelt werden. Dem Turm war ursprünglich ein Tor angebaut, das jedoch im Jahr 1850 im Zuge des Strassenausbaus abgebrochen wurde.
Eine wichtige Quelle stellt eine Urkunde von 1322 dar: Damals verkauften die Landleute von Schwyz sieben Liegenschaften aus gemeinsamem Besitz und investierten den Erlös „ze Hoptse… an die Mure“ (die Gegend südlich des Ägerisees ist bis heute als Hauptsee bekannt). Ob die Letzi zu diesem Zeitpunkt neu errichtet, erweitert oder instand gestellt wurde, bleibt unklar. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass zur Zeit der Schlacht am Morgarten (1315) noch keine Letzi an dieser Stelle bestand.
Die Letzimauer verlief beidseits des Turmes entlang einer markanten Felsrippe. Sie erfüllte wichtige militärische Funktionen: In den zahlreichen regionalen Konflikten konnte sie Viehraub erschweren sowie ein anrückendes Heer aufhalten oder zumindest kanalisieren.
Archäologische Untersuchungen in den Jahren 2009 und 2012 belegen die hohe Bauqualität der Anlage. Die Mauer war vermutlich brusthoch, an der Basis etwa 90cm bis 1,20m breit und auf den Aussenseiten vermörtelt. Beim Bau kam ein Gerüst zum Einsatz, das mittels horizontaler Holzstangen – sogenannter Gerüsthebel – am Turm befestigt wurde. Die entsprechenden Gerüsthebellöcher sind bis heute sichtbar.
Der Bau solcher Letzinen war mit erheblichem finanziellem, logistischem und zeitlichem Aufwand verbunden. Es bedurfte spezialisierter Fachkräfte, die – vergleichbar mit heutigen Tunnelbauern – von Baustelle zu Baustelle zogen. Die Errichtung einer Letzi nahm vermutlich mehrere Sommer in Anspruch.
Die Letzinen im Gebiet des alten Landes Schwyz bildeten gemeinsam mit natürlichen Barrieren wie Gebirgszügen einen Schutzring. Entsprechende Anlagen sind unter anderem in Arth, Oberarth, Rothenturm, Brunnen und am Morgarten nachgewiesen. Auch am Pragelpass zwischen Schwyz und Glarus wurden entsprechende Grenzgräben festgestellt.
Nicht zuletzt spielten Letzinen auch in Sagen und Mythen eine bedeutende Rolle: Sie galten seit jeher als kaum überwindbare Bollwerke und prägten das kollektive Vorstellungsbild der mittelalterlichen Verteidigung.
BILD: Der Letziturm beim Morgarten mit dem vermuteten hölzernen Obergaden
Bildquelle: Infotafel Letzirundweg Morgarten
Textquelle: Infotafel Letzirundweg Morgarten / Historisches Lexikon der Schweiz