Dani Gebert. Autor
Historische Geschichten aus der Schweizerischen Eidgenossenschaft.

Tschernobyl und die Schweiz 1986

Die Explosion von Reaktor 4 am 26. April 1986 um 1:23 Uhr in Tschernobyl (Ukraine) und der anschliessende Graphitbrand setzten grosse Mengen radioaktiver Stoffe frei. Diese wurden bis in Höhen von über 1200 Metern in die Atmosphäre getragen. Während der rund zehn Tage andauernden Freisetzung änderten sich die Wetterbedingungen laufend, wodurch sich zwischen dem 26. April und Mitte Mai 1986 in weiten Teilen Europas radioaktive Ablagerungen bildeten.

Am 28. April 1986 erreichte die Nachricht eines schweren Reaktorunfalls die Schweizer Medien. Ihre Bedeutung lag nicht zuletzt darin, dass sie überhaupt publik wurde, da Informationen über Katastrophen in der Sowjetunion selten nach aussen drangen. Erst Messungen erhöhter Radioaktivität in skandinavischen Kernkraftwerken zwangen die sowjetische Führung zur Bekanntgabe.

Zunächst schien die Schweiz aufgrund der Wetterlage verschont zu bleiben. Doch bereits am Folgetag drehte der Wind. In der Nacht auf den 30. April 1986 registrierte der Frühwarnposten Weissfluhjoch bei Davos einen deutlichen Anstieg der Radioaktivität. Am Morgen wurden in der Zentral-, Nord- und Ostschweiz Werte gemessen, die zwei- bis vierfach über dem natürlichen Hintergrund lagen. Anfang Mai war die gesamte Atmosphäre über der Schweiz messbar belastet.

Ein eindrückliches Beispiel liefert Serge Prêtre, damaliger Chef der Abteilung Strahlenschutz bei der Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK). Als er am 30. April 1986 das Büro im Paul-Scherrer-Institut in Würenlingen betrat, stellte ein Kollege mittels Dosimeter fest, dass selbst seine Schuhsohlen radioaktiv belastet waren. Die radioaktive Wolke hatte die Schweiz erreicht.

Am 3. Mai 1986 veröffentlichte die Kommission für AC-Schutz (KAC) Ernährungsempfehlungen. Bestimmte Lebensmittel wie Milch, Spinat oder Schaffleisch sollten zeitweise gemieden werden. Während Fachleute wie Prêtre die Situation als gesundheitlich unbedenklich einschätzten, reagierte die Bevölkerung mit Verunsicherung: Milchverkäufe brachen ein, Fleisch blieb liegen, und Gemüse wurde gemieden. Einzelne Menschen erwogen sogar eine Auswanderung.

Besonders betroffen waren das Tessin, Teile der Ostschweiz sowie einige Regionen des Juras. Im Tessin wurde zudem ein statistischer Anstieg von Abtreibungen festgestellt. Eine Studie von 1989 führte dies auf unzureichende Information und daraus resultierenden Stress bei Schwangeren zurück. Dabei lag das tatsächliche Risiko für Missbildungen im statistisch vernachlässigbaren Bereich.

Ab dem 25. Mai 1986 wurden nur noch im Südtessin erhöhte Werte gemessen, woraufhin die meisten Vorsichtsmassnahmen aufgehoben wurden. Dennoch folgten wirtschaftliche Konsequenzen: Am 27. Juni 1986 forderte der Verband der Schweizerischen Gemüseproduzenten Schadenersatz. Nach langjährigen Verfahren sprach das Bundesgericht Ende 1990 eine Entschädigung von 8,7 Millionen Franken zu.
Am 3. September 1986 wurde für den Luganersee ein Fischereiverbot erlassen, das erst im Juli 1988 wieder aufgehoben wurde.

Ab 1987 normalisierte sich die Situation zunehmend. Dennoch sind bis heute im Tessiner Boden Cäsium-137-Spuren nachweisbar. Diese tragen bei dauerhafter Exposition maximal etwa 0,5 mSv pro Jahr zur Strahlenbelastung bei. Auch in Milch, Wild und Pilzen können geringe Mengen nachgewiesen werden, die jedoch gesundheitlich als unbedenklich gelten.

Langfristige Hochrechnungen, basierend auf Erfahrungen aus Hiroshima und Nagasaki, gehen davon aus, dass in der Schweiz rund 200 zusätzliche Krebstodesfälle auf den Unfall zurückzuführen sein könnten.

Als Konsequenz wurden die Strahlenschutzmassnahmen in der Schweiz umfassend überarbeitet: Die Nationale Alarmzentrale wurde gestärkt, die Messsysteme modernisiert und automatische Überwachungsnetze eingeführt. Zudem wurden im Umkreis von 20 Kilometern um Kernkraftwerke Kaliumiodid-Tabletten verteilt. Die gesetzlichen Grundlagen wurden überarbeitet und 1994 in einer neuen Strahlenschutzgesetzgebung verankert.

Eine Randnotiz betrifft den Namen Tschernobyl (Chornobyl) selbst: Er leitet sich von der Pflanze Wermut ab, die in der Region verbreitet ist. Dieses bittere Kraut ist für seine heilenden und antitoxischen Eigenschaften bekannt und wird unter anderem zur Herstellung von Absinth verwendet.

BILD: KI-Darstellung erhöhter Strahlenwerte im Mai 1986 (nicht wissenschaftlich belegt und eigens für diesen Beitrag von mir erstellt.)

Textquelle: Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) / Beobachter.ch / Aargauer Zeitung / SRF / chernobylwel.com

 
 
 
 
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